Was ich aus einer Woche buddhistischer Praxis mitgenommen habe.
Ich bin gerade eine Woche in eine tibetisch buddhistische Welt eingetaucht. Und das mitten in Österreich.
Ich konnte auftanken, mich austauschen, lernen und praktizieren. Ich war voller Emotion, Energie und Eifer.
Es hat eine Weile gebraucht, bis sich all die Eindrücke setzen konnten. Wie bei einer Flasche Apfelsaft, die kräftig geschüttelt wurde. Erst wenn sich alles langsam wieder legt, wird klar, was eigentlich geblieben ist. Wie schon vor einigen Jahren bin ich auch diesmal wieder fündig geworden und gehe bestärkt meinen Weg weiter. Deshalb möchte ich meine Eindrücke mit euch teilen.
Einige von euch erinnern sich vielleicht noch daran, wie ich vor Jahren zum Buddhismus gefunden habe. (Wenn nicht, könnt ihr die Geschichte in diesem Blogartikel nachlesen.)
Jeden Sommer findet in Gomde ein großes Seminar statt, bei dem der Gründer des Zentrums persönlich vor Ort ist. Heuer war jedoch kein gewöhnliches Jahr. Zur feierlichen Eröffnung einer Universität für Weisheit und Güte waren außergewöhnlich viele buddhistische Meister angereist – darunter auch Gesandte des Dalai Lama. Wir Seminarteilnehmer hatten das große Glück, von allen fünf Meistern Unterweisungen zu erhalten.
Eine Begegnung, die bleibt
Die eindrücklichste Begegnung hatte ich mit Thamthog Rinpoche, der viele Jahre Abt des Klosters des Dalai Lama war. Unser Lehrer, Chökyi Nyima Rinpoche, stellte ihn als seinen Jugendfreund vor und erzählte, wie sie als Zwölfjährige gemeinsam die buddhistische Schule in Dharamsala besuchten. Schon diese Geschichte war berührend.
Doch was mich wirklich bewegte, war etwas ganz anderes.
Es war nicht das, was er sagte. Nicht einmal, wie er es sagte. Es war sein Wesen. Sein Gesicht, geprägt von Jahrzehnten tiefer spiritueller Praxis. Sein sanfter, gütiger Blick. Seine ruhige Präsenz. Im Westen würden wir von seiner besonderen Ausstrahlung sprechen.
Während ich einfach nur dasaß und ihn ansah, liefen mir Tränen über die Wangen.
Es war eine Kommunikation zwischen Herzen, die sich mir tief einprägte. Auch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, kommen mir die Tränen wieder. Tränen der Freude, des Glücks und einer tiefen Zufriedenheit.
Was ist es also am Buddhismus und an der gelebten Tradition des tibetischen Buddhismus, das mich so begeistert?
Es sind nicht zuerst Meditation oder Philosophie. Es ist das Menschenbild.
Das Menschenbild, das mich bewegt
Der Punkt, der bei mir bis heute auf offene Wunden stößt, ist die Vorstellung, dass wir von Grund auf gut sind, dass ich von Grund auf gut bin.
Im Buddhismus gilt das grundlegende Gute, das jedem Menschen innewohnt. Es gibt also keine Diskussion darüber, ob wir Wölfe oder Schafe, gut oder böse sind. Auch brauchen wir keinerlei Sorge um eine anfängliche Schuld zu haben und uns vor Scham verstecken.
Im Buddhismus spricht man dabei von der Buddhanatur. Im Kern ist jeder Mensch gut. Punkt. Diese Natur kann verdeckt sein, aber sie geht nie verloren und kann nicht geändert werden. Wir gewinnen also weder an Wert noch verlieren wir ihn. Wir sind gut. Wir alle.
Genau das heißt auch, dass wir nicht erst dann liebenswert sind, wenn wir besser, erfolgreicher oder in irgendeiner Weise “perfekter“ geworden sind.
Mit mir stimmt was nicht?
Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Eindrücke bei der Meditationspraxis vor Jahren im Sommerkurs. Damals hatte ich ein sehr klares Bild vor Augen: Ich wollte die Mauern, die ich um mein Herz gebaut hatte, wegschieben, ja niederreißen. Es war Zeit, mich wieder zu zeigen und anderen zuzutrauen, mich wirklich zu sehen.
Wie tief damals meine Selbstzweifel waren. Wie selbstverständlich ich glaubte, dass mit mir etwas nicht stimmte. Und wie traurig es eigentlich ist, dass ein Mensch, der einfach nur versucht, gut zu sein und dazuzugehören, sich so fühlen kann.
Über die Jahre hat mich die Praxis gelehrt, einen neuen, anderen Grundsatz anzunehmen: Dass meine Natur rein ist. Dass ich vom Grunde aus gut bin. Dass es nichts gibt, was mit mir nicht passt und was es zu “richten” gäbe, bevor ich ein wertvoller Mensch sein kann.
Und gleichzeitig gibt es vieles, woran ich arbeiten darf. Das eine schließt das andere nicht aus.
Genau diese Gedanken wurden auch von zwei der Meister aufgegriffen. Tsoknyi Rinpoche sprach von einem beautiful monster – diesem wunden Punkt vieler Menschen im Westen, die mit Selbstzweifeln und Selbstkritik leben. Bevor spirituelle Praxis überhaupt greifen kann, brauchen wir oft etwas anderes: Freundlichkeit uns selbst gegenüber. Die Bereitschaft, unsere Gefühle wahrzunehmen, statt sie zu verdrängen oder gegen sie anzukämpfen. Also los, self-love.
Phakchok Rinpoche sprach von Würde. Dignity. Der Löwe brüllt nicht, um jemandem etwas zu beweisen. Er brüllt, weil er ein Löwe ist.
Diese Würde, sagte er, wohnt auch uns inne.
Vor einem Jahr empfahl er einem Teilnehmer, jeden Tag den Satz My nature is pure zu wiederholen. Ich habe es seitdem täglich selbst ausprobiert – ohne zu wissen, dass dieses Mantra vielen Menschen bekannt ist. Es ist erstaunlich, was ein einfacher Satz verändern kann, wenn man ihm über längere Zeit Raum gibt.
Was nehme ich mit?
Das grundsätzliche Gute bringt mich dazu, diesen Weg für mich weiterzugehen.
Was also nehme ich von dieser Woche mit?
Nicht nur Erinnerungen an außergewöhnliche Lehrer oder berührende Begegnungen.
Sondern immer wieder dieselbe Frage:
Was wäre, wenn wir tatsächlich glauben würden, dass mit uns von Grund auf nichts falsch ist?
Wie würden wir mit uns selbst sprechen?
Wie würden wir anderen begegnen?
Wie würdest du dir begegnen?
