Ich konnte mir einfach keine Namen merken
Kennt ihr das? Du stellst dich jemandem vor und eine Minute später weißt du schon nicht mehr, wie er oder sie heißt. Das gibt’s doch nicht! Das ist ganz schön nervig und unangenehm. Mir passierte das ständig. Ich bin kein auditiver Lerner und beim Vorstellen fehlt mir, dass ich den Namen nicht geschrieben sehe. Also kann ich mir einfach keine Namen merken.
Das dachte ich. Bis ich dann in einem Hotel gearbeitet habe, wo ich jeden Morgen die erste war, die die Gäste zum Yoga begrüßte. Da wäre es natürlich schön, mit Namen begrüßt zu werden – Namaste! Also musste ich mir was ausdenken. Wie konnte ich mir die vielen und sich ständig ändernden Namen der Gäste merken? Diese Zeit hat sich mir sehr eingeprägt, weil ich es geschafft hatte, einen alten Glaubenssatz komplett auf den Kopf zu stellen.
Ein kleines Experiment
Der erste Schritt war, mir die innere Überzeugung genau anzusehen. Konnte ich mir wirklich NIE Namen merken? – Nein, das stimmte nicht. Auf Facebook zum Beispiel, wenn ich Vor- und Nachname mit Foto habe, hab ich kein Problem, mir Namen zu merken, auch wenn ich die Person nur einmal getroffen hatte. Musste ich also nach Vorname und Nachname fragen? – Aber das ging bei den Gästen schwer. Schließlich wollte ich sie freundlich begrüßen und nicht eine Checkliste abarbeiten. Sie sollten sich im Hotel wohl fühlen und die persönliche Ansprache war Teil davon. Tja, wie sollte das also gehen.
Ich machte ein Spiel daraus. Ich sagte mir selber, “Wetten, dass du es schaffst, dir die Namen der Yogaschüler doch zu merken.” Und in meinem Hirn ratterte es. Statt mich selbst zu sabotieren (Du kannst das nicht!), war es mir gelungen, einen Puffer einzubauen. Es entstand ein Raum der Möglichkeiten.
Was, wenn es doch ging?
Wie konnte es gehen? Wie machen das andere?
Und ich probierte mehrere Dinge aus. Eins war, dass ich mich auf das Gesicht der Person konzentrieren wollte. Und mir dann den Namen, den ich hörte, schriftlich vorstellte. Als würde ich ihn aufschreiben oder als stünde er der Person auf die Stirn geschrieben. Das half.
Warum Begrüßungen gar nicht so einfach sind
Auch wurde mir klar, dass der übliche Begrüßungsprozess in unseren Breitengraden ein solch komplexer Ablauf ist, dass es kein Wunder ist, mehr mit der Koordination von Körperteilen und Mimik beschäftigt zu sein als mit dem Merken eines Namens.
Also, heruntergebrochen sieht das so aus: Wir stehen uns gegenüber, ich strecke die rechte Hand Richtung rechter Hand der anderen Person aus, die sich, je nach Größenunterschied, Distanz zur Person und Anpassung an meine Höhe, treffen sollen. Dann werden die Hände geschüttelt und beide Personen sagen möglichst hintereinander und nicht gleichzeitig ihre Namen. Und dann noch schnell ein “Schön, dich kennenzulernen!” dazu. Uff. Das ist ganz schön komplex, auch wenn es gesellschaftlich als ganz normal angesehen wird. Kein Wunder also, wenn es dabei nicht gelingt, sich den Namen der anderen Person zu merken.
Das erinnert mich ans Autofahren. Am Anfang muss man gleichzeitig lenken, schalten, kuppeln und auf den Verkehr achten. Kein Wunder, dass einen das überfordert. Erst wenn einzelne Abläufe selbstverständlich werden, entsteht plötzlich Leichtigkeit. Oder beim Radfahren. Mit einem Laufrad lernt man erst das Gleichgewicht und das Lenken, und später das Treten.
So ist es mit den Namen. Es war nicht so, dass ich mir keine Namen merken konnte oder es einfach zu viele waren. Nein. Es war für mich einfach zu viel auf einmal. Also stellte ich mich der Gruppe vor, somit war ein Schritt bereits erledigt. “Guten Morgen, ich bin Tina, eure Yogalehrerin.” Danach wandte ich mich jeder Person zu, begrüßte jene, die ich bereits kannte, und fragte die anderen einzeln, wie sie hießen. Prägte mir Gesicht und Name ein. Freute mich über jeden gemerkten Namen.
Aus “Ich kann das nicht” wurde “Mal sehen”
Nach einer Weile schaffte ich es wirklich, mir alle Namen zu merken. Unglaublich. Jeder kleine Erfolg wurde gefeiert. Denn aus einem “Das kann ich nicht” ein “doch, das geht” zu machen ist schon was.
Und ich wende es auch immer wieder an. Wie letzte Woche, wo ich mit 200+ Leuten gemeinsam im Seminar war. Nicht alle hab ich mir gemerkt, aber immerhin die, mit denen ich zu tun hatte. Und für mich war es was großes, nicht in die “Da sind so viele neue, die merk ich mir nie”-Falle reinzutappen. Sondern es zu schaffen, offen zu bleiben und mein Spiel wieder anzuwenden. Ich nenne es das Projekt der Namen.
Seitdem höre ich genauer hin, wenn ich über mich selbst ein “Ich kann das nicht.” sagen höre. Denn oft stimmt dieser Satz nicht. Manchmal heißt er eigentlich eher: Ich habe noch nicht herausgefunden, wie es für mich funktioniert.
Und du?
Vielleicht gibt es etwas, das ihr euch schon länger über euch selbst erzählt. Ein: “Ich bin einfach so.” Oder: “Das kann ich nicht.”
Vielleicht stimmt’s.
Vielleicht aber auch nicht.
Manchmal reicht schon ein kleines Experiment, um herauszufinden, ob es nicht doch andere Möglichkeiten gibt.
Für mich war es das Projekt der Namen.
