Kennt ihr das, wenn ihr so in ein Buch vertieft seid, dass ihr am liebsten den Alltag überspringen würdet?
Die letzten Jahre haben sich mehr Sachbücher als Romane auf meinen Regalen gestapelt. Was man als junge Mama alles so wissen sollte. Und überhaupt: Lesen war so ziemlich das Letzte, wofür ich Zeit hatte. Dabei liebe ich Lesen, wie so viele von euch.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich manchmal am Handy scrollend wiederfinde. Nicht, weil ich denke, dass da was wahnsinnig interessantes auftauchen wird. Sondern weil ich manchmal einfach kurz abschalten will. Time-out sagen.
Ja, ich weiß, das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von Achtsamkeit.
Glaubt mir, ich mache Yoga, Meditation und Achtsamkeit nicht, weil ich so extrem achtsam bin. Sondern weil ich es brauche. Weil es mir wichtig ist, Achtsamkeit zu üben. Nicht fünfzehnhundert Dinge gleichzeitig zu tun, sondern zu lernen, bei einer Sache zu bleiben. Nicht ständig abschweifen. Nicht ständig genau dort nicht sein, was gerade angesagt ist. Einfach mal anwesend sein.
Aber den Alltag wegzoomen geht auch anders.
Lesen ist die perfekte Ablenkung
Ich habe das als Kind schon gemacht. Nicht umsonst heißt es: Lesen ist Abenteuer im Kopf. Ich kann mich noch erinnern, wie ich lesend zur Schule gegangen bin. Ungefähr so, wie Leute heutzutage mit dem Gesicht im Handy unterwegs sind – nur mit Buch vor der Nase.
Oft verspricht ein Buch halt mehr als das mitunter langweilige Einen-Fuß-vor-den-anderen-Setzen. I get it.
Ein Herausbeamen aus dem Alltag. In fremde Welten eintauchen. Abenteuer miterleben. Mittendrin sein — und doch mit Abstand. Schließlich möchte ich nicht dabei sein, wenn Allan eine Brücke sprengt.
So kam es, dass ich diesen Sommer – mein Kind beobachtend, das sich gerade neue Spielkameraden ausgesucht hatte – buchlesend am Strand saß und mir trotz Hut und Sonnencreme die Nase anknusperte.
Denn Allan Karlsson ließ nicht locker.
Who in the world is Allan Karlsson
Das Buch lag schon seit geraumer Zeit auf dem Regal, Staub sammelnd. In doppelter Ausführung, wohlgemerkt. Was ich erst bemerkte, als ich es zum Lesen herausnahm. Es wollte also unbedingt gelesen werden.
Ich wusste, dass der Roman ein Bestseller war. Aber der Inhalt hat mich weit mehr begeistert als jede Vorstellung eines Bestsellers.
Allan Karlsson ist schon ganz schön wer.
Und wer – wie ich – ein Faible für Weltgeschichte hat, wird bei den historischen Verwicklungen vermutlich genauso viel Spaß haben. Kein Wunder – ist der Autor doch Journalist und offensichtlich ziemlich gut darin, historische Figuren und Ereignisse in diese völlig absurde, aberwitzige Geschichte einzubauen. Ich habe jedenfalls selten so viel beim Lesen laut gelacht – vor lauter „Kenn ich!“ und „Oh – das ist was!“
Auch des Nächtens mit Taschenlampe im Schlafsack…
So lag ich nun nicht nur am Strand. Auch des Nächtens, mit Taschenlampe im Schlafsack, begleitete ich Allan auf seinen Abenteuern: wie er Franco rettete, von Stalin angeheuert wurde oder Atomphysikern den Tipp gab, wie die Atombombe funktionieren könnte. Aber das ist noch lange nicht alles — Jonas Jonasson schafft es, auch Einstein, Truman, Nixon und Oppenheimer auftreten zu lassen.
Als alte Sinologin brachte mich auch die Szene mit Mao Zedong und Kim Il-sung zum Schmunzeln.
Der schwedische Forrest Gump
Den letzten Teil, in dem schon ziemlich alles aufgelöst war, fand ich ehrlich gesagt schwach. Aber ansonsten bekommt Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand von mir einfach 10 von 10 Punkten. Für mich ist das nicht ein Road-Movie aus dem Altersheim, sondern der schwedische Forrest Gump.
Hätte ich gewusst, wie sehr mich das Buch zum Schmunzeln bringt und dass es nicht nur um einen verschwundenen Hundertjährigen geht, sondern vielmehr um das wirre, freche und absolut unglaubliche Leben, das er die 99 Jahre davor geführt hatte, hätte ich das Buch schon lange vorher gelesen.
Also Leute: Lest! Lest dieses Buch. Auch wenn euch Weltgeschichte und Geopolitik nicht ganz so interessieren wie mich. Ihr werdet trotzdem lachen.
Und überhaupt: Lest. Lest Geschichten, die euch zum Schmunzeln bringen. Die euch zum Lachen bringen. Die euch für ein paar Stunden aus eurem Alltag herauskatapultieren und danach vielleicht ein kleines bisschen anders wieder zurückbeamen.
Lachen ist schließlich die beste Medizin.
