Kein sexy Job
Ich bin froh, dass ich nicht von Kartoffelkäfern geträumt habe.
Denn wir waren gestern Kartoffelkäfer klauben. Eine Gemeinschaftsaktion unseres Gemüsegartens. Kein sexy Job.
Kartoffelkäfer sind Käfer, die sich auf Kartoffeln spezialisiert haben. Sie legen ihre Eier unterhalb der Blätter, damit die Larven, wenn sie schlüpfen, gleich ein Festmahl vor sich haben. Der Mensch pflanzt Kartoffeln und mag diese nicht schon vorab weggegessen wissen – also bekämpft er die Kartoffelkäfer.
In unserem Garten machen wir das auf die altmodische Weise – wir klauben Kartoffelkäfer. Und es sind eben nicht nur die ausgewachsenen Käfer, die man da so antrifft. Sondern Larven in allen Stadien und auch die Gelege. Wären die Käfer nicht so unersättlich, müssten wir sie gar nicht los werden. Los werden wollen, denn offensichtlich werden “wir” sie ja nicht los — seit Jahrzehnten haben Kartoffelkäfer alle möglichen Mittel glanzvoll umschifft.
Warum ich von Kartoffelkäfern schreibe? Wie gesagt, ich bin froh, dass ich nicht von ihnen geträumt habe. Die Bilder haben sich tief eingeprägt. Ich brauchte einiges an Überwindung, die Käfer abzuklauben und in einen Eimer mit Wasser fallen zu lassen. Erstens, weil ich sie angreifen musste. Und zweitens, weil sie mir leid taten. Schließlich bedeutet der Wassereimer für sie ziemlich sicher das Ende. Und ich mag eigentlich keine Lebewesen töten.
Ekel und Faszination
Es ist also schon etwas, bei dessen Beschreibung ich das Wort eklig in den Mund nehmen würde. Wobei Ekel und Faszination Hand in Hand gehen.
Selten wird Biologie und der Lebenskreislauf eines Insekts so deutlich. Denn obwohl mir nur wenige ausgewachsene Käfer begegnet waren, wimmelte es nur so von Larven in allen vier Stadien. Ihre metamorphen Formen nebeneinander zu sehen war schon gewaltig. Wie unterschiedlich die aussehen. Und wie offensichtlich sie trotzdem zusammengehören.
Interessanterweise war ich nicht die Einzige, die sich freiwillig zum Mithelfen meldete und dennoch Probleme damit hatte, die Larven verenden zu lassen. Unsere Gärtnerin brachte das Wort Notwehr ins Spiel. Wir wehren uns ja nur, weil sonst die Kartoffelernte ausfällt. Denn der Käfer und vor allem seine Larven vertilgen die Pflanzen komplett. Nicht nur ein bisschen. Nicht nur so, dass die Blätter etwas unansehnlich werden. Nein, wir reden von Kahlfraß. Zapp zarapp, alles weg. Deshalb ist der Kartoffelkäfer so gefürchtet.
Da war nichts zwischen uns
Wir romantisieren Natur unglaublich gerne. Gemüse aus dem eigenen Garten. Hände in der Erde. Nachhaltigkeit. Regionalität. Frisches Essen.
Doch sobald wir selbst Lebensmittel anbauen, merken wir, dass wir ständig Entscheidungen treffen. Auch darüber, wer leben darf und wer nicht. Wie beim Elternsein steckt da ganz schön viel Verantwortung mit drin.
Der Salat oder die Schnecke.
Die Kartoffel oder der Käfer.
Die Zucchini oder die Wühlmaus.
Im Garten werden diese Entscheidungen plötzlich persönlich.
Ich wollte die Käfer gar nicht angreifen. Aber ich tat es trotzdem.
Und plötzlich war da kein abstrakter „Schädling” mehr.
Ich sah den dicken Bauch der größeren Larven. Die rosa bis rote Färbung. Die schwarzen Muster, die sich langsam herausbildeten. Den kleinen schwarzen Kopf. Die winzigen Beinchen. Ich beobachtete, wie die Käfer durch ihre Färbung und Streifen zwischen den abgefallenen Blüten der Kartoffelpflanzen fast verschwanden. Wie mit der Abendkühle immer mehr davon hervorkamen. Wie sie regelrecht Partys auf den Pflanzen feierten.
Da war nichts zwischen uns. Kein Handschuh. Kein Werkzeug. Nur meine Hand und dieses kleine Lebewesen.
Ich hatte Mitleid mit den Käfern. Und gleichzeitig wollte ich meine Aufgabe gut erfüllen. Und irgendwann auch Kartoffeln essen.
Gemüseanbau ist nicht nur Idylle
Im Supermarkt kaufen wir Kartoffeln, ohne darüber nachzudenken. Im Gemüsegarten wird plötzlich sichtbar, was zwischen Pflanze und Teller alles passiert. Nicht nur Sonne und Regen, sondern Wachstum, Konkurrenz und Entscheidungen.
Vielleicht war das das Unangenehmste an diesem Nachmittag.
Nicht die Larven.
Nicht die Käfer.
Sondern zu merken, dass mit Nähe auch Mitgefühl entsteht. Dass man ein Tier gleichzeitig faszinierend finden, es bedauern und es trotzdem in den Wassereimer plumpsen lassen kann.
Zum Abschied bedankte sich unsere Gärtnerin für die Hilfe.
„Es ist ja unser Gemüse”, sagte sie.
Ja.
Und genau das macht den Unterschied.
Im Supermarkt muss ich mich dieser Verantwortung nicht stellen. Im Gemüsegarten schon.
Gemüseanbau ist wunderschön.
Aber idyllisch ist er nur von weitem.
